Gefühle in der Küchenschublade
Heute war Schluss.
Ich konnte schließlich nicht ständig irgendwelche Gefühle in meine Küchenschublade einziehen lassen, ohne irgendwann zu klären, wer hier eigentlich wofür zuständig ist.
Also öffnete ich die Schublade.
„Guten Morgen.“
Keine Reaktion.
„Wir machen heute Inventur.“
Sofort Unruhe.
„Muss das sein?“, fragte die Müdigkeit.
„Ja.“
„Heute?“
„Ja.“
Die Prokrastination murmelte irgendwo:
„Morgen wäre auch noch ein Tag.“
„NEIN.“
Ich setzte mich an den Küchentisch.
Vor mir:
- Klemmbrett.
- Stift.
- Liste.
Die Kontrolle schaute interessiert herüber.
„Schönes Klemmbrett.“
„Finger weg.“
„Ich wollte nur—“
„Nein.“
Der Humor grinste.
„Das fängt gut an.“
Ich klopfte mit dem Stift auf mein Klemmbrett.
„Also. Bitte einzeln vortreten.“
Die Hoffnung
Die Hoffnung kam als Erste.Natürlich.
„Also“, sagte ich. „Du bist dafür zuständig, dass ich glaube, alles wird gut.“
„Nein.“
Mein Stift blieb stehen.
„Wie, nein?“
„Ich sage nicht, dass alles gut wird.“
„Was sagst du dann?“
„Dass es gut werden könnte.“
„Das ist ein Unterschied?“
„Ein ziemlich großer.“
Ich schrieb:
Hoffnung = könnte gut werden.
„Und wenn es nicht gut wird?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Dann hoffe ich eben weiter.“
Der Zweifel stöhnte aus der Schublade.
„Unfassbar.“
Der Zweifel
„Du bist dran.“Der Zweifel kam nach vorne.
„Du glaubst grundsätzlich, dass alles schiefgeht.“
„Das stimmt so nicht.“
Ich sah ihn an.
„Doch.“
„Nein.“
„Du zweifelst an allem.“
„Ich prüfe.“
„Du nervst.“
„Auch das kann sinnvoll sein.“
Ich seufzte.
„Wozu brauche ich dich?“
„Damit du nicht alles glaubst.“
Das saß.
Ich schrieb:
Zweifel = prüft.
Er beugte sich über mein Klemmbrett.
„Würde ich mit Fragezeichen schreiben.“
Ich setzte ein Fragezeichen dahinter.
Natürlich.
Die Ungeduld
„NÄCHSTE!“„Du bist die Nächste.“
„ENDLICH!“
Die Ungeduld stand schon vor mir.
„Du willst alles sofort.“
„Ja.“
Ich setzte begeistert einen Haken.
Endlich eine einfache.
„Warum?“
„Weil warten furchtbar ist.“
„Das war's?“
„Ja.“
„Sicher?“
„JA! KÖNNEN WIR WEITER?!“
Ich schrieb:
Ungeduld = warten ist doof.
„Sehr wissenschaftlich“, kommentierte der Humor.
„Ruhe.“
Die Müdigkeit
Niemand kam.„Müdigkeit?“
Stille.
„MÜDIGKEIT?“
Aus der Schublade:
„Ich hör dich.“
„Du bist dran.“
„Muss ich dafür aufstehen?“
„Ja.“
Seufzen.
Sehr langes Seufzen.
Irgendwann erschien sie.
„Du kommst, wenn ich zu wenig geschlafen habe.“
„Auch.“
Oh nein.
„Was noch?“
„Wenn alles zu viel war.“
Ich schrieb.
„Wenn ich zu lange funktioniert habe.“
Ich schrieb weiter.
„Wenn der Kopf voll ist.“
Noch eine Zeile.
„Wenn der Körper Pause will.“
Ich legte den Stift hin.
„Du bist komplizierter als gedacht.“
„Das macht müde.“
Und ging wieder schlafen.
Die Neugier
Die Neugier stand schon neben mir und versuchte, mein Klemmbrett zu lesen.„Was schreibst du da?“
„Das geht dich nichts an.“
„Warum?“
„Weil du jetzt befragt wirst.“
„Warum?“
„Weil ich Inventur mache.“
„Warum?“
Ich atmete tief durch.
„Deine Aufgabe ist also, Fragen zu stellen.“
„Welche?“
„Alle.“
„Warum?“
Ich schrieb:
Neugier = WARUM?
Sie schaute über meine Schulter.
„Warum hast du das großgeschrieben?“
„NÄCHSTE!“
Die Angst
Die Angst kam vorsichtig.„Du warnst mich vor Gefahren.“
„Ja.“
Haken.
„Gut. Danke.“
„Und vor Dingen, die vielleicht gefährlich sein könnten.“
Ich hielt inne.
„Okay.“
„Und vor Dingen, die früher mal gefährlich waren.“
Ich strich den Haken wieder durch.
„Das stand nicht in meiner Stellenbeschreibung.“
„In meiner schon.“
„Aber wenn heute gar keine Gefahr besteht?“
„Sicher ist sicher.“
Von hinten rief die Kontrolle:
„RICHTIG!“
„Du bist noch nicht dran!“
Ich schrieb:
Angst = will schützen. Übertreibt gelegentlich.
„Gelegentlich?“, fragte der Humor.
„RUHE!“
Die Traurigkeit
Die Traurigkeit kam mit einer Packung Taschentücher.„Du kommst bei Verlust.“
„Unter anderem.“
Natürlich.
„Was noch?“
„Abschied.“
Ich schrieb.
„Enttäuschung.“
Ich schrieb.
„Einsamkeit.“
Weiter.
„Sehnsucht.“
Weiter.
„Manchmal weiß ich selbst nicht genau, warum.“
Ich schaute auf mein Klemmbrett.
„Du bist aber ganz schön vielseitig.“
„Danke.“
„Das war kein Kompliment.“
„Ist mir egal.“
Sie schniefte.
Ich schob ihr vorsichtshalber ein Taschentuch hin.
Dann schaute ich unter den Tisch.
„Nur damit das klar ist: Heute wird hier nichts geflutet.“
Die Traurigkeit verdrehte die Augen.
„Einmal passiert.“
Aus der Schublade rief der Humor:
„Die Haftpflichtfrage ist bis heute ungeklärt!“
Die Liebe
Die Liebe setzte sich mir gegenüber.„Du machst glücklich.“
„Manchmal.“
„Wie, manchmal?“
„Manchmal mache ich verletzlich.“
„Das gefällt mir nicht.“
„Mir auch nicht immer.“
„Kannst du den Teil weglassen?“
„Nein.“
Ich strich auf meinem Klemmbrett:
Liebe = glücklich
durch.
„Was schreibe ich denn dann?“
Die Liebe überlegte.
„Nähe. Verbundenheit. Verletzlichkeit. Wärme. Manchmal Schmerz.“
„Das ist ganz schön viel für eine Zeile.“
„Liebe ist selten eine Zeile.“
Der Humor pfiff anerkennend.
Ich schrieb trotzdem:
Liebe = kompliziert.
„Frechheit“, sagte die Liebe.
Der Ekel
Der Ekel kam nicht näher als unbedingt nötig.„Du schützt mich vor verdorbenem Essen.“
„Unter anderem.“
Ich seufzte.
Dieses „unter anderem“ begann mich aggressiv zu machen.
„Also?“
„Vor Dingen, die sich falsch, schmutzig oder abstoßend anfühlen.“
„Auch wenn sie nicht gefährlich sind?“
„Ja.“
Er sah auf mein Klemmbrett.
„Was ist das da?“
„Ein Kaffeefleck.“
Er rückte einen Schritt zurück.
„Mach den weg.“
„Nein.“
„Eklig.“
„Das ist jetzt mein Kaffeefleck.“
Er schüttelte sich.
Ich schrieb:
Ekel = Abstand halten.
„Vor allem von deinem Klemmbrett.“
Der Perfektionismus
Der Perfektionismus trat vor.Mit Maßband.
Natürlich.
„Du möchtest, dass ich Dinge gut mache.“
„Nein.“
Ich schaute auf.
„Nicht?“
„Ich möchte, dass du sie perfekt machst.“
„Das geht aber nicht.“
„Jetzt verstehst du mein Problem.“
Stille.
Ich betrachtete mein inzwischen ziemlich vollgekritzeltes Klemmbrett.
„Und wann ist etwas perfekt?“
Er dachte nach.
„Es geht immer noch besser.“
„Dann werde ich ja nie fertig.“
„Richtig.“
Ich schrieb:
Perfektionismus = Arschloch.
Er schnappte nach Luft.
„Das ist keine sachliche Definition!“
„Aber eine sehr befriedigende.“
Der Humor applaudierte.
Die Prokrastination
„Prokrastination!“Niemand kam.
„Prokrastination?“
Stille.
Ich schaute in die Schublade.
„Wo ist sie?“
Der Humor zeigte nach unten.
Da lag sie.
Immer noch auf dem Boden.
„Du bist dran.“
„Später.“
„Nein. Jetzt.“
„Ich bin gerade beschäftigt.“
„Womit?“
„Liegen.“
Ich starrte sie an.
„Du verschiebst Dinge, weil du faul bist.“
Plötzlich öffnete sie die Augen.
„Nein.“
„Nicht?“
„Manchmal verschiebe ich Dinge, weil sie unangenehm sind.“
Ich schrieb.
„Oder zu groß.“
Weiter.
„Oder weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll.“
Weiter.
„Oder weil der Perfektionismus vorher gesagt hat, dass es sowieso nicht gut genug wird.“
Ich sah zum Perfektionismus.
Der betrachtete plötzlich sehr interessiert den Holzpfannenwender.
„Aha.“
Ich schrieb:
Prokrastination = vielleicht nicht einfach faul.
„Sehr gut“, murmelte sie.
„Kommst du jetzt hoch?“
„Später.“
Natürlich.
Die Scham
„Scham?“Keine Antwort.
Ich wusste inzwischen, wo ich suchen musste.
Ganz hinten.
Hinter den Taschentüchern.
„Kommst du kurz?“
„Muss ich?“
„Nein.“
Pause.
Dann kam sie trotzdem.
Sie setzte sich möglichst weit weg.
„Du zeigst mir, wenn ich etwas falsch gemacht habe.“
„Nein.“
Mein Stift blieb stehen.
„Nicht?“
„Manchmal.“
„Und sonst?“
Sie sah auf ihre Hände.
„Manchmal sorge ich dafür, dass du glaubst, du selbst seist falsch.“
Ich sagte nichts.
Der Stift blieb auf dem Papier liegen.
„Das ist ein ziemlich großer Unterschied.“
Die Scham nickte.
Ich strich meinen Satz durch.
Schrieb neu:
Scham = Ich habe nicht nur etwas falsch gemacht. Ich fühle mich falsch.
Die Scham sah kurz auf.
„Ja.“
Diesmal machte ich keinen Witz.
Die Gelassenheit
Die Gelassenheit kam mit Tee.„Möchtest du?“
„Gerne.“
Sie stellte mir eine Tasse hin.
Ich sah auf mein Klemmbrett.
„Du sorgst dafür, dass mir alles egal ist.“
„Nein.“
Ich stöhnte.
„KANN HIER EINMAL JEMAND EINFACH JA SAGEN?“
Die Ungeduld rief:
„JA!“
„Danke.“
Die Gelassenheit wartete.
Ich trank einen Schluck Tee.
„Also?“
„Mir ist nicht alles egal.“
„Sondern?“
„Nicht alles braucht sofort eine Lösung.“
Ich sah auf mein Klemmbrett.
Auf die Pfeile.
Die Fragezeichen.
Die durchgestrichenen Sätze.
„Das sagst du jetzt.“
„Ja.“
„Das hättest du auch vor einer Stunde sagen können.“
„Hättest du da zugehört?“
Verdammt.
Ich schrieb:
Gelassenheit = nicht alles lösen müssen.
Die Wut
Die Wut kam mit ihrer Partykrone.Ich versuchte nicht zu lachen.
„Was?“
„Nichts.“
„DU GUCKST SO.“
„Ich gucke immer so.“
Der Humor bekam im Hintergrund einen Lachanfall.
Ich räusperte mich.
„Du kommst, wenn etwas richtig schiefläuft.“
„Nö.“
„Wie, nö?“
„Ich komme auch, wenn eine Grenze überschritten wird.“
Ich schrieb:
Wut = Grenze.
„Und wenn keiner zuhört.“
Ich schrieb weiter.
„Und wenn ich mich machtlos fühle.“
„Jetzt reicht's aber.“
Die Wut grinste.
„Siehste.“
Ich hielt inne.
Dann musste ich lachen.
„Okay. Der war gut.“
„Danke.“
Ich setzte drei Ausrufezeichen hinter
Wut.
Sie betrachtete sie.
„Vier wären besser.“
„Jetzt übertreib nicht.“
„Na endlich.“
„Du machst Dinge lustig.“
„Falsch.“
„Nicht DU auch noch!“
„Ich mache nicht alles lustig.“
„Was dann?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Manches leichter.“
Ich wurde still.
„Auch wenn es eigentlich gar nicht lustig ist?“
„Gerade dann manchmal.“
Er zeigte auf die Traurigkeit.
„Ich kann neben ihr sitzen.“
Dann auf die Wut.
„Neben ihr auch.“
Dann auf die Scham.
„Sogar da.“
„Du machst die anderen also nicht weg.“
„Nö.“
„Du hältst sie nur ein bisschen besser aus?“
Er grinste.
„Jetzt lernst du's.“
Ich schrieb:
Humor = macht nicht alles gut. Aber manches leichter.
Er beugte sich über das Klemmbrett.
„Das ist überraschend vernünftig.“
„Danke.“
„War kein Kompliment.“
Frechheit.
„Endlich.“
Sie griff nach meinem Klemmbrett.
Ich zog es weg.
„MEINS.“
„Ich wollte nur helfen.“
„Du willst immer helfen.“
„Richtig.“
„Du willst alles bestimmen.“
„Nein.“
Natürlich.
„Was willst du dann?“
„Wissen, was passiert.“
„Das ist doch dasselbe.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
Der Humor rief aus der Schublade:
„Das Gespräch läuft ja hervorragend kontrolliert!“
Die Kontrolle schloss kurz die Augen.
„Genau deshalb brauche ich Strukturen.“
Ich sah sie an.
„Warum musst du wissen, was passiert?“
Sie wurde leiser.
„Weil Überraschungen gefährlich sein können.“
Die Angst nickte.
Ich schrieb:
Kontrolle = will Sicherheit durch Vorhersehbarkeit.
Sie beugte sich über meine Schulter.
„Sehr gut.“
„Danke.“
„Allerdings würde ich ‚Vorhersehbarkeit‘ unterstreichen.“
Ich legte den Stift hin.
„Geh.“
Sie schaute nicht auf das Klemmbrett.
Sie schaute aus dem Fenster.
„Du willst etwas haben, das du nicht hast.“
„Manchmal.“
Ich wartete.
„Manchmal möchte ich irgendwo sein.“
„Wo?“
„Weiß ich nicht.“
„Bei jemandem?“
„Vielleicht.“
„Etwas erleben?“
„Kann sein.“
„Was willst du denn nun genau?“
Sie lächelte.
„Manchmal nur das Gefühl, angekommen zu sein.“
Ich sah sie an.
Dann auf mein Klemmbrett.
Ich schrieb:
Sehnsucht = etwas fehlt. Manchmal weiß ich nicht, was.
„Passt das?“
Sie lächelte.
„Für heute.“
Na immerhin.
Nur noch ein Name.
„Vertrauen.“
Es kam langsam zu mir und setzte sich.
Kein Klemmbrett.
Kein Maßband.
Keine Partykrone.
Keine Taschentücher.
Einfach nur das Vertrauen.
Ich lächelte.
„Bei dir ist es einfach.“
Das Vertrauen lächelte zurück.
Ich hätte misstrauisch werden müssen.
„Du glaubst, dass alles gut wird.“
„Nein.“
Ich ließ den Stift fallen.
„NICHT DU AUCH NOCH!“
Aus der Schublade kam Gelächter.
Ich hob den Stift wieder auf.
„Also. Was dann?“
„Das, was du gerade beschrieben hast, ist Hoffnung.“
Von hinten rief die Hoffnung:
„Hallo!“
Ich drehte mich um.
„Danke!“
Dann wieder zum Vertrauen.
„Was machst dann du?“
Das Vertrauen überlegte.
„Ich weiß nicht, ob alles gut wird.“
„Das ist ja beruhigend.“
Es lächelte.
„Aber ich gehe trotzdem weiter.“
Mein Stift blieb stehen.
„Obwohl du es nicht weißt?“
„Ja.“
„Obwohl du enttäuscht werden könntest?“
„Ja.“
„Obwohl du Angst haben kannst?“
„Ja.“
„Warum?“
Das Vertrauen sah mich an.
„Weil ich nicht für alles vorher eine Garantie brauche.“
Ich sah unwillkürlich zur Kontrolle.
Sie tat so, als hätte sie nichts gehört.
Ich schrieb langsam:
Vertrauen = keine Garantie. Trotzdem weitergehen.
Sie betrachtete sie.
„Vier wären besser.“
„Jetzt übertreib nicht.“
Der Humor
Der Humor setzte sich breit grinsend vor mich.„Na endlich.“
„Du machst Dinge lustig.“
„Falsch.“
„Nicht DU auch noch!“
„Ich mache nicht alles lustig.“
„Was dann?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Manches leichter.“
Ich wurde still.
„Auch wenn es eigentlich gar nicht lustig ist?“
„Gerade dann manchmal.“
Er zeigte auf die Traurigkeit.
„Ich kann neben ihr sitzen.“
Dann auf die Wut.
„Neben ihr auch.“
Dann auf die Scham.
„Sogar da.“
„Du machst die anderen also nicht weg.“
„Nö.“
„Du hältst sie nur ein bisschen besser aus?“
Er grinste.
„Jetzt lernst du's.“
Ich schrieb:
Humor = macht nicht alles gut. Aber manches leichter.
Er beugte sich über das Klemmbrett.
„Das ist überraschend vernünftig.“
„Danke.“
„War kein Kompliment.“
Frechheit.
Die Kontrolle
Bevor ich ihren Namen überhaupt aufrufen konnte, saß sie schon neben mir.„Endlich.“
Sie griff nach meinem Klemmbrett.
Ich zog es weg.
„MEINS.“
„Ich wollte nur helfen.“
„Du willst immer helfen.“
„Richtig.“
„Du willst alles bestimmen.“
„Nein.“
Natürlich.
„Was willst du dann?“
„Wissen, was passiert.“
„Das ist doch dasselbe.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
Der Humor rief aus der Schublade:
„Das Gespräch läuft ja hervorragend kontrolliert!“
Die Kontrolle schloss kurz die Augen.
„Genau deshalb brauche ich Strukturen.“
Ich sah sie an.
„Warum musst du wissen, was passiert?“
Sie wurde leiser.
„Weil Überraschungen gefährlich sein können.“
Die Angst nickte.
Ich schrieb:
Kontrolle = will Sicherheit durch Vorhersehbarkeit.
Sie beugte sich über meine Schulter.
„Sehr gut.“
„Danke.“
„Allerdings würde ich ‚Vorhersehbarkeit‘ unterstreichen.“
Ich legte den Stift hin.
„Geh.“
Die Sehnsucht
Die Sehnsucht setzte sich zu mir.Sie schaute nicht auf das Klemmbrett.
Sie schaute aus dem Fenster.
„Du willst etwas haben, das du nicht hast.“
„Manchmal.“
Ich wartete.
„Manchmal möchte ich irgendwo sein.“
„Wo?“
„Weiß ich nicht.“
„Bei jemandem?“
„Vielleicht.“
„Etwas erleben?“
„Kann sein.“
„Was willst du denn nun genau?“
Sie lächelte.
„Manchmal nur das Gefühl, angekommen zu sein.“
Ich sah sie an.
Dann auf mein Klemmbrett.
Ich schrieb:
Sehnsucht = etwas fehlt. Manchmal weiß ich nicht, was.
„Passt das?“
Sie lächelte.
„Für heute.“
Na immerhin.
Das Vertrauen
Ich schaute auf meine Liste.Nur noch ein Name.
„Vertrauen.“
Es kam langsam zu mir und setzte sich.
Kein Klemmbrett.
Kein Maßband.
Keine Partykrone.
Keine Taschentücher.
Einfach nur das Vertrauen.
Ich lächelte.
„Bei dir ist es einfach.“
Das Vertrauen lächelte zurück.
Ich hätte misstrauisch werden müssen.
„Du glaubst, dass alles gut wird.“
„Nein.“
Ich ließ den Stift fallen.
„NICHT DU AUCH NOCH!“
Aus der Schublade kam Gelächter.
Ich hob den Stift wieder auf.
„Also. Was dann?“
„Das, was du gerade beschrieben hast, ist Hoffnung.“
Von hinten rief die Hoffnung:
„Hallo!“
Ich drehte mich um.
„Danke!“
Dann wieder zum Vertrauen.
„Was machst dann du?“
Das Vertrauen überlegte.
„Ich weiß nicht, ob alles gut wird.“
„Das ist ja beruhigend.“
Es lächelte.
„Aber ich gehe trotzdem weiter.“
Mein Stift blieb stehen.
„Obwohl du es nicht weißt?“
„Ja.“
„Obwohl du enttäuscht werden könntest?“
„Ja.“
„Obwohl du Angst haben kannst?“
„Ja.“
„Warum?“
Das Vertrauen sah mich an.
„Weil ich nicht für alles vorher eine Garantie brauche.“
Ich sah unwillkürlich zur Kontrolle.
Sie tat so, als hätte sie nichts gehört.
Ich schrieb langsam:
Vertrauen = keine Garantie. Trotzdem weitergehen.
Dann legte ich den Stift hin.
Fertig.
Sechs Seiten.
Pfeile.
Durchgestrichene Sätze.
Fragezeichen.
Vier Kaffeeflecken.
Drei Ausrufezeichen bei der Wut.
Eine Korrektur des Perfektionismus, die ich demonstrativ wieder durchgestrichen hatte.
Ich betrachtete mein Werk.
Der Humor kam zu mir.
„Und?“
„Was?“
„Jetzt schlauer?“
Ich sah auf mein Klemmbrett.
Dann in die Schublade.
„Nein.“
„Wie viele Seiten?“
„Sechs.“
„Durchgestrichen?“
„Fast alles.“
Er nickte anerkennend.
„Dann hast du heute wirklich viel gelernt.“
Ich musste lachen.
„Weißt du, was das Schlimmste ist?“
„Was?“
„Ich wollte eigentlich herausfinden, wie Gefühle funktionieren.“
Die Dankbarkeit war noch nicht eingezogen.
Die Geduld auch nicht.
Zum Glück.
Denn ich hatte für heute wirklich genug Erkenntnisse.
Das Vertrauen sah mich an.
„Vielleicht musst du gar nicht wissen, wie wir funktionieren.“
„Sondern?“
„Vielleicht musst du uns erst einmal kennenlernen.“
Ich schaute auf mein Klemmbrett.
Dann legte ich es zur Seite.
Aus der Schublade rief die Kontrolle:
„Kann ich es jetzt haben?“
„NEIN!“
Der Humor prustete los.
Der Perfektionismus rief:
„Aber wenigstens ordentlich abheften!“
„NEIN!“
Und irgendwo vom Boden hörte ich die Prokrastination:
„Ich würde das morgen machen.“
Ich schloss die Schublade.
Inventur beendet.
Ergebnis:
Keine Ahnung, wie Gefühle funktionieren.
Aber ich glaube, ich fange langsam an, ihnen zuzuhören.
Keine Ahnung, wie Gefühle funktionieren.
Aber ich glaube, ich fange langsam an, ihnen zuzuhören.
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