Der Perfektionismus zieht ein
Das wird nicht gut genug.
Der Perfektionismus.
Mit diesem Blick, der Dinge sieht, die vorher niemand gesehen hat.
„Hm“, machte er. Ein langes „Hm“.
„Zu laut“, sagte der Perfektionismus und machte sich eine Notiz.
Der Zweifel lächelte schief. „Ich mag ihn.“
Die Ungeduld: „Können wir anfangen?!“
„Wir haben längst angefangen“, sagte der Perfektionismus ruhig. „Nur nicht richtig.“
Er ging durch die Schublade,
langsam,
präzise.
Blieb stehen.
Korrigierte einen Millimeter.
Blieb wieder stehen.
Korrigierte zwei.
„Das Gummiband ist schief.“
„Jetzt nicht mehr.“ Er richtete es aus. Ganz genau.
„Geht so“, sagte er.
Die Traurigkeit schniefte leise. „Ich fand es vorher auch okay…“
„Okay ist kein Ziel“, sagte der Perfektionismus.
Der Zweifel nickte zufrieden. „Endlich sagt’s mal jemand.“
Er sah mich an.
Sehr direkt. „Besser.“
„Wie viel besser?“
Kurze Pause.
„Mehr.“
Natürlich.
Nicht wie Emma.
Nicht laut.
Sondern…
unaufhörlich.
Hier ein bisschen.
Da noch etwas.
„Das reicht noch nicht.“
„Das kann sauberer.“
„Das geht präziser.“
Die Ungeduld lauter.
Die Müdigkeit… verschwand komplett.
Die Liebe sah ihn an. „Du machst es schwer.“
Er nickte. „Ja.“
„Warum?“
„Weil es gut werden soll.“
Die Angst trat näher. „Und wenn es nicht gut wird?“
Er sah sie kurz an. „Dann machen wir weiter.“
Ich merkte, wie es enger wurde.
Nicht in der Schublade - in mir.
Alles wurde…
angespannter.
Genauer.
Schärfer.
Anstrengender.
Ich griff in die Schublade, nahm das perfekt ausgerichtete Gummiband und ließ es wieder ein kleines bisschen schief liegen.
„Doch“, sagte ich.
Er sah mich streng an. „Das ist nicht optimal.“
„Stimmt.“
Stille.
Die Hoffnung hob vorsichtig den Kopf „Reicht… vielleicht auch?“
Der Perfektionismus sagte nichts.
Ich lehnte mich an die Küchenzeile.
Atmete.
„Du darfst bleiben“, sagte ich, „aber nicht alleine entscheiden.“
Er sah wieder in die Schublade.
Sah das schiefe Gummiband.
Dann mich.
Lange.
Seeehr lange. „…Vorübergehend“, sagte er.
Ich nickte. „Reicht.“
Ich schob die Schublade nur halb zu. Sicher ist sicher.
Drinnen war es ordentlich.
Sehr ordentlich.
Aber irgendwo war es auch ein kleines bisschen schief.
Und genau war Platz zum Atmen.
Dies ist eine Geschichte aus meiner Reihe Küchenschublade, als Metapher für die menschliche Innenwelt. Die erste Geschichte Die Hoffnung in meiner Schublade brachte mich auf die Idee.
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