DIS-Einblicke 🧩-Teil 33
Ein kurzer Blick in meinen Alltag mit DIS.
Beim Schreiben merke ich oft erst, wie es eigentlich ist.
🧩 Ein kleiner Gedanke vorweg
Damals habe ich geschrieben:
Die Diagnose ist nicht das Problem.
Daran hat sich für mich nichts geändert.
Und trotzdem gibt es etwas, worüber ich damals noch nicht geschrieben habe:
Denn zu wissen, dass eine Diagnose nichts über meinen Wert als Mensch aussagt, bedeutet noch lange nicht, dass es sich selbstverständlich anfühlt, damit sichtbar zu werden.
Mein Kopf kann längst wissen:
Dafür musst du dich nicht schämen.
Und trotzdem kann irgendwo etwas flüstern:
Was Menschen ohne DIS oft nicht wissen …
🫣 Mit der Diagnose DIS kann Scham verbunden sein.
Nicht weil die Diagnose an sich beschämend wäre. Scham kann an ganz anderen Stellen entstehen.
Was denken andere über mich, wenn sie es wissen?
Glauben sie mir überhaupt?
Halten sie mich für verrückt?
Darf ich erzählen, dass es innere Anteile gibt?
Was passiert, wenn mich jemand danach anders behandelt?
Und dann gibt es noch die Zweifel, die gar keinen anderen Menschen brauchen.
Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein.
Vielleicht übertreibe ich.
Vielleicht darf ich gar nicht sagen, dass ich DIS habe.
Vielleicht sollte ich einfach normaler sein.
Scham braucht manchmal kein Publikum. Manchmal reicht die Vorstellung davon, wie andere mich sehen könnten.
Wie es sich anfühlen kann
Scham setzte sich neben mich an den Küchentisch.
Ich kannte sie schon.
Schließlich hatte sie längst einen festen Platz in meiner Küchenschublade.
„Du musst das niemandem erzählen“, flüsterte sie.
„Ich weiß.“
„Und wenn du es erzählst, musst du nicht alles erzählen.“
„Weiß ich auch.“
Sie schwieg einen Moment.
Dann rückte sie ein bisschen näher.
„Und wenn sie dich danach anders sehen?“
Da hatte sie mich.
Ich schaute sie an.
Sie war nicht böse.
Eigentlich wollte sie mich nur davor bewahren, verletzt zu werden.
Vor Blicken.
Vor Fragen.
Vor Unglauben.
Vor Ablehnung.
Ich schob Scham nicht vom Stuhl.
Vielleicht musste sie heute gar nicht verschwinden.
Vielleicht durfte ich ihr einfach sagen:
„Du darfst da sein. Aber du entscheidest nicht, ob ich mich verstecke.“
🧩 Woher die Scham kommen kann
Ich glaube nicht, dass es darauf nur eine Antwort gibt.
DIS ist eine Diagnose, die noch immer mit vielen falschen Vorstellungen verbunden ist. Das allein kann es schwer machen, darüber zu sprechen.
Aber meine Scham kommt nicht nur von außen.
Sie kann auch damit zu tun haben, dass ich mich selbst lange nicht verstanden habe.
Dass manches in meinem Erleben nicht zu dem passte, was ich für „normal“ hielt.
Dass ich an mir gezweifelt habe.
Dass Verbergen und Funktionieren lange wichtig waren.
Und vielleicht auch damit, dass DIS mit Erfahrungen verbunden ist, über die zu sprechen ohnehin schwer sein kann.
Manchmal weiß ich deshalb sehr genau:
Ich habe keinen Grund, mich zu schämen.
Und fühle Scham trotzdem.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
🧩 Was mir im Umgang mit Scham hilft
Ich entscheide selbst, wem ich etwas erzähle.
Offenheit bedeutet für mich nicht, dass jeder alles über mich wissen darf. Ich darf auswählen, was ich erzähle und was privat bleibt.
Ich versuche, Scham wahrzunehmen, statt sie sofort wegzudrücken.
Wenn sie auftaucht, frage ich mich manchmal: Wovor möchtest du mich gerade schützen?
Ich unterscheide zwischen meinem Gefühl und der Wirklichkeit.
Dass ich mich für etwas schäme, bedeutet nicht automatisch, dass daran tatsächlich etwas Beschämendes ist.
Ich erlaube mir Grenzen.
Ich darf eine Frage unbeantwortet lassen. Ich darf ein Gespräch beenden. Und ich darf sagen: Darüber möchte ich nicht sprechen.
Ich gebe mir Zeit.
Ich muss nicht heute selbstverständlich mit etwas umgehen können, das sich lange geheim, falsch oder gefährlich angefühlt hat.
Das sind meine Erfahrungen. Andere Menschen mit DIS können Scham ganz anders erleben oder rund um ihre Diagnose überhaupt keine empfinden.
🧩 Ein Gedanke dazu
Ich möchte Scham nicht zu meinem nächsten Gegner machen.
Vielleicht hat auch sie einmal versucht, mich zu schützen.
Indem sie sagte:
Sei still.
Fall nicht auf.
Zeig das nicht.
Dann kann dich niemand dafür verletzen.
Heute darf ich ihr etwas Neues zeigen.
Ich darf selbst entscheiden, wann ich sichtbar werde.
Ich darf selbst entscheiden, wem ich vertraue.
Und ich darf auch entscheiden, etwas für mich zu behalten.
Die Diagnose ist nicht das Problem.
Und Scham darüber zu empfinden, macht sie auch nicht zu einem.
Scham darf mit am Küchentisch sitzen.
Aber sie entscheidet nicht mehr allein, ob ich mich verstecke.
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