Heute steht ein zusätzlicher Teller auf meinem Küchentisch.
Ich habe ihn nicht hingestellt.Langsam wird mir das hier unheimlich.
„Wer war das?“
Die Freude hebt beide Hände.
„Ich!“
Natürlich. Wer sonst.
„Warum?“
„Wir bekommen Besuch.“
Ich sehe auf den Teller.
„Wer kommt?“
„Jemand Neues.“
Oh.
In der Küchenschublade wird es schlagartig unruhig.
Die Neugier ist als Erste draußen.
Die Freude stellt währenddessen eine zweite Tasse auf den Tisch.
Dann Besteck.
Eine Serviette.
„Machst du nicht ein bisschen viel?“, frage ich.
„Wieso?“
„Wir wissen doch noch gar nicht, ob dieser Mensch bleibt.“
Die Freude hält inne.
Das hatte sie offenbar nicht bedacht.
Die Sehnsucht dagegen schon.
Sie sitzt auf der Arbeitsplatte und lächelt verträumt.
„Vielleicht bleibt er für immer.“
Oh nein.
„Wir kennen den Menschen noch nicht einmal.“
„Eben.“
Die Sehnsucht lächelt.
„Da ist noch alles möglich.“
Die Angst meldet sich aus der hintersten Ecke.
„Genau das ist das Problem.“
Plötzlich ist es still.
Die Freude stellt die Tasse ab.
Die Neugier hört auf zu fragen.
Sogar die Kontrolle sagt nichts.
Die Angst schaut zur Tür.
„Menschen kommen“, sagt sie leise.
„Ja.“
„Und Menschen gehen.“
Mein Blick fällt auf den leeren Stuhl, der (noch immer) ein Stück weiter hinten in der Küche steht.
Niemand sagt etwas.
Wir wissen es.
Wer einen Menschen herein lässt, bekommt keine Garantie.
Keine Freundschaft kommt mit einem Zertifikat, auf dem steht:
Wird dich niemals enttäuschen.
Keine neue Partnerin unterschreibt beim ersten Treffen:
Wird dich niemals verletzen.
Kein Mensch kann versprechen:
Ich werde immer bleiben.
Die Kontrolle räuspert sich.
„Genau deshalb wäre ein Fragebogen sinnvoll.“
Ich muss lachen.
„Nein.“
„Zwölf Seiten.“
„Nein.“
„Acht?“
„Kontrolle.“
„Vier und eine Datenschutzerklärung?“
Jetzt lacht sogar die Angst ein bisschen.
Dann klopft es.
Alle erstarren.
Die Freude springt auf.
„DA!“
„Warte!“, ruft die Kontrolle.
Zu spät.
Die Freude steht schon an der Tür.
Ich halte sie am Ärmel fest.
„Nicht so schnell.“
Sie sieht mich verständnislos an.
Und plötzlich weiß ich selbst nicht, warum ich sie festhalte.
Vielleicht weil jemand Neues aufregend ist.
Vielleicht weil Nähe schön sein kann.
Vielleicht weil wir uns danach sehnen, gesehen zu werden.
Und vielleicht auch, weil jede geöffnete Tür bedeutet, dass jemand etwas von uns sehen könnte.
Unsere Unordnung.
Unsere empfindlichen Stellen.
Unsere merkwürdigen Gewohnheiten.
Unsere Geschichten.
Unsere Küchenschublade.
„Wir müssen doch nicht gleich alles zeigen“, sagt die Vorsicht.
Ich drehe mich zu ihr.
Seit wann wohnt die denn hier?
„Nein“, sagt sie. „Müssen wir nicht.“
Sie geht zur Tür.
„Wir können sie erst einmal einen Spalt öffnen.“
Die Sehnsucht verdreht die Augen.
Die Freude auch.
Die Kontrolle nickt anerkennend.
Die Angst rückt ein kleines Stück näher.
Also öffnen wir die Tür.
Nur ein bisschen.
Draußen steht ein Mensch.
Vielleicht ist es eine neue Freundin.
Vielleicht eine neue Partnerin.
Vielleicht jemand, den wir heute noch kaum kennen und über den wir irgendwann sagen werden:
Weißt du noch, damals?
Vielleicht wird dieser Mensch wichtig.
Vielleicht bleibt er nur eine Weile.
Vielleicht entsteht Liebe.
Vielleicht Freundschaft.
Vielleicht etwas, für das wir erst später einen Namen finden.
Heute wissen wir es noch nicht.
Und das ist schwer auszuhalten.
Vor allem für die Sehnsucht.
„Kann sie jetzt reinkommen?“, flüstert sie.
„Langsam.“
Wir öffnen die Tür ein Stück weiter.
Der Mensch kommt herein.
Die Freude strahlt.
Die Neugier platzt fast.
Die Kontrolle beobachtet alles.
Die Angst hält Abstand.
Und die Sehnsucht hat vermutlich schon gemeinsame Urlaube geplant.
„Setz dich“, sage ich.
Ich zeige auf den neuen Platz am Tisch.
Nicht auf meinen.
Nicht auf den leeren Stuhl eines Menschen, der einmal hier war.
Auf einen neuen.
Einen eigenen.
Das scheint wichtig zu sein.
Denn ein neuer Mensch ist kein Ersatz für jemanden, der gegangen ist.
Keine neue Freundin ersetzt eine alte.
Eine neue Partnerin muss nicht wiedergutmachen, was eine andere verletzt hat.
Jeder Mensch braucht seinen eigenen Platz.
Wir sitzen eine Weile zusammen.
Es ist ein bisschen unbeholfen.
Die Neugier stellt zu viele Fragen.
Die Kontrolle hört bei jeder Antwort sehr genau hin.
Die Freude redet zu viel.
Die Angst fast gar nicht.
Und irgendwann passiert etwas Seltsames.
Nichts.
Einfach nichts.
Wir sitzen da.
Reden.
Lachen vielleicht.
Schweigen vielleicht.
Lernen uns kennen.
Keine Fanfaren.
Keine Garantie.
Kein Schild mit der Aufschrift:
DIESER MENSCH WIRD WICHTIG.
Nur ein zusätzlicher Teller auf dem Tisch.
Am Abend steht der Mensch auf.
Die Angst erschrickt.
„Geht sie?“
„Ja.“
Die Sehnsucht sieht enttäuscht aus.
Doch bevor die Tür zufällt, dreht sich der Mensch noch einmal um.
„Bis bald.“
Die Freude strahlt.
Die Kontrolle notiert innerlich vermutlich Datum und Uhrzeit.
Und die Angst?
Die schaut auf die geschlossene Tür.
Dann auf den Teller.
„Kommt sie wirklich wieder?“
Ich weiß es nicht.
Das sage ich ihr auch.
Denn jemanden neu ins Leben zu lassen bedeutet vielleicht genau das:
Nicht zu wissen, was daraus wird.
Nicht beim ersten Lachen schon die gemeinsame Zukunft schreiben.
Nicht aus Angst vor einem möglichen Abschied die Tür geschlossen halten.
Nicht jeden neuen Menschen für das bezahlen lassen, was ein anderer getan hat.
Sondern einen Platz anbieten.
Nicht das ganze Haus.
Nicht sofort den Schlüssel.
Erst einmal einen Platz am Tisch.
Die Freude sammelt die Tassen ein.
Die Sehnsucht träumt.
Die Kontrolle möchte immer noch den Fragebogen.
Und die Angst steht an der Tür.
„Darf ich beim nächsten Mal wieder ein bisschen Angst haben?“, fragt sie.
„Natürlich.“
„Und wir machen trotzdem auf?“
Ich schaue auf das zusätzliche Gedeck.
„Vielleicht.“
Die Angst nickt.
Damit kann sie leben.
Und vielleicht ist das genug.
Denn Menschen kommen nicht mit der Gewissheit, dass sie bleiben.
Sie kommen mit einer Möglichkeit.
Und manchmal beginnt etwas sehr Großes tatsächlich ganz klein:
mit einer geöffneten Tür,
einem freien Platz
und einem vorsichtigen
„Komm rein.“
„Wann? Wer? Woher? Wie alt? Was macht die Person? Bleibt sie?“
„Keine Ahnung.“
„Wie, keine Ahnung?“
Die Kontrolle schiebt die Neugier beiseite.
„Name?“
„Weiß ich noch nicht.“
„Adresse?“
„Nein.“
„Absichten?“
„Kontrolle.“
„Beziehungsstatus? Vorstrafen? Referenzen?“
„KONTROLLE!“
Sie zieht sich beleidigt zurück.
„Man wird ja wohl noch fragen dürfen.“
„Keine Ahnung.“
„Wie, keine Ahnung?“
Die Kontrolle schiebt die Neugier beiseite.
„Name?“
„Weiß ich noch nicht.“
„Adresse?“
„Nein.“
„Absichten?“
„Kontrolle.“
„Beziehungsstatus? Vorstrafen? Referenzen?“
„KONTROLLE!“
Sie zieht sich beleidigt zurück.
„Man wird ja wohl noch fragen dürfen.“
Die Freude stellt währenddessen eine zweite Tasse auf den Tisch.
Dann Besteck.
Eine Serviette.
„Machst du nicht ein bisschen viel?“, frage ich.
„Wieso?“
„Wir wissen doch noch gar nicht, ob dieser Mensch bleibt.“
Die Freude hält inne.
Das hatte sie offenbar nicht bedacht.
Die Sehnsucht dagegen schon.
Sie sitzt auf der Arbeitsplatte und lächelt verträumt.
„Vielleicht bleibt er für immer.“
Oh nein.
„Wir kennen den Menschen noch nicht einmal.“
„Eben.“
Die Sehnsucht lächelt.
„Da ist noch alles möglich.“
Die Angst meldet sich aus der hintersten Ecke.
„Genau das ist das Problem.“
Plötzlich ist es still.
Die Freude stellt die Tasse ab.
Die Neugier hört auf zu fragen.
Sogar die Kontrolle sagt nichts.
Die Angst schaut zur Tür.
„Menschen kommen“, sagt sie leise.
„Ja.“
„Und Menschen gehen.“
Mein Blick fällt auf den leeren Stuhl, der (noch immer) ein Stück weiter hinten in der Küche steht.
Niemand sagt etwas.
Wir wissen es.
Wer einen Menschen herein lässt, bekommt keine Garantie.
Keine Freundschaft kommt mit einem Zertifikat, auf dem steht:
Wird dich niemals enttäuschen.
Keine neue Partnerin unterschreibt beim ersten Treffen:
Wird dich niemals verletzen.
Kein Mensch kann versprechen:
Ich werde immer bleiben.
Die Kontrolle räuspert sich.
„Genau deshalb wäre ein Fragebogen sinnvoll.“
Ich muss lachen.
„Nein.“
„Zwölf Seiten.“
„Nein.“
„Acht?“
„Kontrolle.“
„Vier und eine Datenschutzerklärung?“
Jetzt lacht sogar die Angst ein bisschen.
Dann klopft es.
Alle erstarren.
Die Freude springt auf.
„DA!“
„Warte!“, ruft die Kontrolle.
Zu spät.
Die Freude steht schon an der Tür.
Ich halte sie am Ärmel fest.
„Nicht so schnell.“
Sie sieht mich verständnislos an.
Und plötzlich weiß ich selbst nicht, warum ich sie festhalte.
Vielleicht weil jemand Neues aufregend ist.
Vielleicht weil Nähe schön sein kann.
Vielleicht weil wir uns danach sehnen, gesehen zu werden.
Und vielleicht auch, weil jede geöffnete Tür bedeutet, dass jemand etwas von uns sehen könnte.
Unsere Unordnung.
Unsere empfindlichen Stellen.
Unsere merkwürdigen Gewohnheiten.
Unsere Geschichten.
Unsere Küchenschublade.
„Wir müssen doch nicht gleich alles zeigen“, sagt die Vorsicht.
Ich drehe mich zu ihr.
Seit wann wohnt die denn hier?
„Nein“, sagt sie. „Müssen wir nicht.“
Sie geht zur Tür.
„Wir können sie erst einmal einen Spalt öffnen.“
Die Sehnsucht verdreht die Augen.
Die Freude auch.
Die Kontrolle nickt anerkennend.
Die Angst rückt ein kleines Stück näher.
Also öffnen wir die Tür.
Nur ein bisschen.
Draußen steht ein Mensch.
Vielleicht ist es eine neue Freundin.
Vielleicht eine neue Partnerin.
Vielleicht jemand, den wir heute noch kaum kennen und über den wir irgendwann sagen werden:
Weißt du noch, damals?
Vielleicht wird dieser Mensch wichtig.
Vielleicht bleibt er nur eine Weile.
Vielleicht entsteht Liebe.
Vielleicht Freundschaft.
Vielleicht etwas, für das wir erst später einen Namen finden.
Heute wissen wir es noch nicht.
Und das ist schwer auszuhalten.
Vor allem für die Sehnsucht.
„Kann sie jetzt reinkommen?“, flüstert sie.
„Langsam.“
Wir öffnen die Tür ein Stück weiter.
Der Mensch kommt herein.
Die Freude strahlt.
Die Neugier platzt fast.
Die Kontrolle beobachtet alles.
Die Angst hält Abstand.
Und die Sehnsucht hat vermutlich schon gemeinsame Urlaube geplant.
„Setz dich“, sage ich.
Ich zeige auf den neuen Platz am Tisch.
Nicht auf meinen.
Nicht auf den leeren Stuhl eines Menschen, der einmal hier war.
Auf einen neuen.
Einen eigenen.
Das scheint wichtig zu sein.
Denn ein neuer Mensch ist kein Ersatz für jemanden, der gegangen ist.
Keine neue Freundin ersetzt eine alte.
Eine neue Partnerin muss nicht wiedergutmachen, was eine andere verletzt hat.
Jeder Mensch braucht seinen eigenen Platz.
Wir sitzen eine Weile zusammen.
Es ist ein bisschen unbeholfen.
Die Neugier stellt zu viele Fragen.
Die Kontrolle hört bei jeder Antwort sehr genau hin.
Die Freude redet zu viel.
Die Angst fast gar nicht.
Und irgendwann passiert etwas Seltsames.
Nichts.
Einfach nichts.
Wir sitzen da.
Reden.
Lachen vielleicht.
Schweigen vielleicht.
Lernen uns kennen.
Keine Fanfaren.
Keine Garantie.
Kein Schild mit der Aufschrift:
DIESER MENSCH WIRD WICHTIG.
Nur ein zusätzlicher Teller auf dem Tisch.
Am Abend steht der Mensch auf.
Die Angst erschrickt.
„Geht sie?“
„Ja.“
Die Sehnsucht sieht enttäuscht aus.
Doch bevor die Tür zufällt, dreht sich der Mensch noch einmal um.
„Bis bald.“
Die Freude strahlt.
Die Kontrolle notiert innerlich vermutlich Datum und Uhrzeit.
Und die Angst?
Die schaut auf die geschlossene Tür.
Dann auf den Teller.
„Kommt sie wirklich wieder?“
Ich weiß es nicht.
Das sage ich ihr auch.
Denn jemanden neu ins Leben zu lassen bedeutet vielleicht genau das:
Nicht zu wissen, was daraus wird.
Nicht beim ersten Lachen schon die gemeinsame Zukunft schreiben.
Nicht aus Angst vor einem möglichen Abschied die Tür geschlossen halten.
Nicht jeden neuen Menschen für das bezahlen lassen, was ein anderer getan hat.
Sondern einen Platz anbieten.
Nicht das ganze Haus.
Nicht sofort den Schlüssel.
Erst einmal einen Platz am Tisch.
Die Freude sammelt die Tassen ein.
Die Sehnsucht träumt.
Die Kontrolle möchte immer noch den Fragebogen.
Und die Angst steht an der Tür.
„Darf ich beim nächsten Mal wieder ein bisschen Angst haben?“, fragt sie.
„Natürlich.“
„Und wir machen trotzdem auf?“
Ich schaue auf das zusätzliche Gedeck.
„Vielleicht.“
Die Angst nickt.
Damit kann sie leben.
Und vielleicht ist das genug.
Denn Menschen kommen nicht mit der Gewissheit, dass sie bleiben.
Sie kommen mit einer Möglichkeit.
Und manchmal beginnt etwas sehr Großes tatsächlich ganz klein:
mit einer geöffneten Tür,
einem freien Platz
und einem vorsichtigen
„Komm rein.“
Wenn das Leben anklopft
In dieser Rubrik erzähle ich von den Momenten, die unser Leben verändern: vom Abschiednehmen und Ankommen, von Verlust und Neubeginn und von allem, was plötzlich vor unserer Tür steht.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen