Sonntag, 16. August 2026

Heute zieht das Vertrauen ein

 Heute zieht das Vertrauen ein

Schreibwerk - Gefühle in der Küchenschublade

Ich zog die Küchenschublade auf.
„Ist schon jemand Neues da?“, fragte ich.
Niemand antwortete.
Nicht einmal der Zweifel.
Komisch.
Ich schaute genauer hin.

Da saß doch jemand.
Mitten zwischen allen.
Ganz unauffällig.

„Hallo“, sagte ich.
„Hallo“, antwortete das Vertrauen.
„Seit wann bist du da?“

Es lächelte.
„Schon eine ganze Weile.“

Die Hoffnung sprang auf.
„Warum hat denn niemand etwas gesagt?“

Das Vertrauen zuckte mit den Schultern. 
„Ich dränge mich nicht in den Vordergrund.“

Der Humor grinste. 
„Das ist jetzt aber kein besonders spektakulärer Einzug.“

„Muss er auch nicht sein.“

Die Wut verschränkte die Arme. „Und was kannst du?“
„Nicht viel.“
„Aha.“
„Ich bleibe.“

Stille.

Der Zweifel räusperte sich. 
„Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.“

„Das ist in Ordnung“, sagte das Vertrauen. 
„Du musst mir nicht sofort glauben.“

Der Zweifel war irritiert. „Du diskutierst gar nicht?“
„Nein.“
„Du willst mich nicht überzeugen?“
„Nein.“
„Warum nicht?“

Das Vertrauen lächelte. 
„Weil Vertrauen nicht gewonnen wird, indem man darum kämpft.“

Der Perfektionismus machte sich eine Notiz.
„Ungewöhnliche Strategie.“

Die Kontrolle wurde aufmerksam. 
„Und woran erkenne ich, dass du zuverlässig bist?“
„Gar nicht.“

Die Kontrolle blinzelte. „Wie bitte?“
„Am Anfang gar nicht.“

Die Kontrolle griff automatisch nach ihrem Klemmbrett. 
„Das gefällt mir überhaupt nicht.“

Das Vertrauen nickte verständnisvoll.
„Das kann ich gut verstehen.“

Die Angst trat langsam näher. 
„Und wenn du enttäuscht wirst?“

Das Vertrauen sah sie freundlich an. 
„Dann tut es weh.“
„Und trotzdem kommst du wieder?“
„Ja.“
Die Angst wurde still.

Die Scham lugte vorsichtig hinter den Taschentüchern hervor.
„Auch... zu mir?“

Das Vertrauen rückte ein Stück zur Seite.
„Natürlich.“
„Obwohl ich mich ständig verstecke?“
„Gerade deshalb.“

Die Scham setzte sich daneben.
Zum ersten Mal...
ohne sich zu verstecken.

Ich beobachtete die Schublade.
Niemand war plötzlich geheilt.
Der Zweifel zweifelte weiter.
Die Kontrolle kontrollierte.
Der Perfektionismus richtete ein Gummiband gerade.
Die Prokrastination verschob etwas auf morgen.

Alles war wie immer.
Und doch...
war etwas anders.

Ich schaute das Vertrauen an.
„Machst du eigentlich auch mal Urlaub?“
Es lachte.
„Ab und zu.“
„Und wer vertritt dich dann?“
Das Vertrauen zeigte auf die Hoffnung.
„Sie hält den Platz frei.“
Die Hoffnung strahlte.
„Das mache ich gerne!“
Der Humor nickte anerkennend.
„Das ist mal eine vernünftige Vertretungsregelung.“

Ich schob die Schublade langsam wieder zu.
Drinnen wurde wieder diskutiert.
Der Zweifel hatte noch Fragen.
Die Kontrolle wollte Belege.
Der Perfektionismus wünschte sich mehr Struktur.

Das Vertrauen hörte einfach zu.
Und irgendwie...
war genau das genug.

Keine Kommentare:

Heute zieht das Vertrauen ein

 Heute zieht das Vertrauen ein Schreibwerk - Gefühle in der Küchenschublade Ich zog die Küchenschublade auf. „Ist schon jemand Neues da?“, f...