Sonntag, 3. Mai 2026

Schreibwerk - Küchenschublade

Der Ekel zieht ein


Ich zog die Schublade auf und bereute es sofort.
„Uäh“, sagte jemand.
Ich sah rein. Da stand er.

Der Ekel.

Er hielt zwei Finger in die Luft, als hätte er gerade etwas angefasst, das er nie wieder vergessen wird.

„Was IST das hier?“

Er sah sich um, als wäre die Schublade ein Tatort.
Die Hoffnung winkte vorsichtig. „Hi…?“
„Nicht anfassen“, sagte der Ekel sofort
und zog die Hand zurück.
Die Ungeduld rollte mit den Augen. „Oh bitte, nicht so ein Drama.“
Der Zweifel nickte. „Das wird anstrengend.“

Der Ekel ging einen Schritt nach vorne – blieb abrupt stehen.
„Das… ist ein feuchtes Taschentuch.“
Alle sahen hin.
Ja.
War es.
„Das ist eklig.“

Die Traurigkeit schniefte leise. „Das war wichtig…“
„Mag sein“, sagte der Ekel, „bleibt eklig.“

Er zog ein Gummiband hoch, hielt es weit von sich weg. „Warum klebt das?!“
Die Neugier: „Weiß ich nicht, ist aber spannend!“
„NEIN“, sagte der Ekel. „Nicht spannend.“
Die Liebe lächelte schief. „Manches darf auch unordentlich sein.“
Der Ekel sah sie an, als hätte sie gerade gesagt, dass man absichtlich in Pfützen liegen sollte.
„Nein.“

Die Angst rückte ein Stück näher. „Du bist… streng.“
„Ich bin notwendig“, sagte der Ekel ruhig.

Kurze Stille.
Dann fing er an.

Er sortierte nichts.
Er optimierte nichts.
Er zeigte einfach nur auf Dinge.
„Das weg.“
„Das auch.“
„Warum ist das noch da?“
„Das gehört hier nicht hin.“
Die Ungeduld wurde... schneller. „Dann mach´s doch selbst!“
„Ich fasse das nicht an“, sagte der Ekel sofort.
Der Zweifel grinste. „Praktisch.“

Ich beobachtete das Ganze. Es wurde unangenehm.
Nicht laut.
Nicht chaotisch.
Sondern…
bewusst.

Plötzlich sah ich die Schublade anders.
Die nassen Taschentücher.
Das klebrige Gummiband.
Die Reste vom letzten Gefühlssturm.

„Hm“, machte ich und griff rein.
Der Ekel nickte sofort. „Ja. Genau. Du machst das.“
„Aha“, sagte ich.
Ich nahm ein paar alte Sachen raus. Wischte nach.
Räumte ein bisschen.
Nicht perfekt.
Aber… besser.

Die Hoffnung klatschte leise. „Oh!“
Die Ungeduld: „ENDLICH!“
Der Zweifel: „Hält nicht lange.“
Die Liebe sah mich an – und lächelte.
Der Ekel stand immer noch da, zwei Finger erhoben.
„Ich bleibe nicht lange“, sagte er. „Aber ich komme wieder.“
Ich nickte. „Weiß ich.“

Ich schob die Schublade halb zu.
Es roch nichts.
Nichts klebte.
Und ich dachte: Er ist unangenehm.
Aber…
manchmal räumt er genau das weg, was keiner anfassen will.


Dies ist eine Geschichte aus meiner Reihe Küchenschublade, als Metapher für die menschliche Innenwelt. Die erste Geschichte Die Hoffnung in meiner Schublade brachte mich auf die Idee.

Keine Kommentare:

Schreibwerk - Küchenschublade

Der Ekel zieht ein Ich zog die Schublade auf und bereute es sofort. „Uäh“, sagte jemand. Ich sah rein. Da stand er. Der Ekel. Er hielt zwei ...