Die Freunde wunderten sich. „Aber du kannst doch lesen“, sagten sie und schauten Hedda-Marie an, die ruhig nickte und tatsächlich las. Formulare. Wegbeschreibungen. Kleingedrucktes, “Du besuchst sogar eine Schreibwerkstatt.”
„Ja doch, wir Großen“, sagte Hedda-Marie und hob den Blick. „Nur nicht alle Teile.“ „Ich nicht“, grummelte Lönne und fasste seinen Neujahrsvorsatz: lesen und schreiben lernen.
Leider war es ein Ziel, dass er nicht richtig greifen konnte. Es schien sich ständig aufzulösen, vor allem, weil überall Schilder hingen. Schilder mit Buchstaben. Und Buchstaben waren ja das Problem.
„Melden Sie sich online an“, sagte eine freundliche Stimme am Telefon.
Lönne nickte, atmete tief ein und aus, legte auf und starrte dann das leuchtende Rechteck an, das ihn mit einem Text verhöhnte. Kate hatte ihn mit der geöffneten Homepage
der Volkshochschule allein gelassen, weil sie genervt war. Geduld ist nicht ihre Stärke. Sie hat autistische Züge. ”Warum will er jetzt Lesen und Schreiben lernen? Es reicht doch, wenn die Erwachsenen-Anteile das können.” Aber Lönne hielt an seinem Vorhaben fest.Er klickte irgendetwas an, es piepste, er drückte die nächste Taste, es piepste nochmal und dann war alles weg. “Das wird Ärger geben”, murmelte er.
Der Versuch, einen Kurs zu finden, wurde so immer schwieriger. Er zog sich an, nahm allen Mut zusammen und ging zum Gebäude der Volkshochschule. Er stand vor Aushängen, die viel versprachen und nichts erklärten. Gut, dass es im Januar einen Orientierungstag gibt. Da kann Lönne sich verschiedene Kurse anschauen. Nachzufragen traute er sich nicht. Stattdessen ging er in viele falsche Räume. Jedes Mal lächelte er tapfer und dachte: Irgendwo hier wird doch bestimmt jemand Buchstaben erklären.
Als erstes landete er beim Yogakurs.
Das hier ist es, dachte Lönne hoffnungsvoll. Viele Menschen, ruhige Stimmung. Lernen passiert bestimmt leise. Er rollte eine Matte aus. Alle lagen still in der Entspannung, als die Kursleiterin sanft sagte: „Und nun schließe deine Augen.“ Lönne öffnete sie stattdessen, weil er dachte, das sei eine persönliche Aufforderung. Als alle ruhig atmeten, flüsterte er panisch: „Wann kommen denn jetzt die Buchstaben?“ Die Kursleiterin nickte verständnisvoll. „Im Herzen“, sagte sie. “Im Herzen?”, fragte Lönne ungläubig, stand auf und ging. Er ist überzeugt, Yoga ist eindeutig zu abstrakt.
Im Töpferkurs formte Lönne hochkonzentriert etwas, das nach Allem und Nichts aussah. Die Kursleiterin fragte: „Und, was wird das?“
Lönne überlegte lange. „Vielleicht ein A?“
Der Klumpen kippte um, bekam eine Delle und sah eher wie ein beleidigtes U aus. Alle lachten, und jemand meinte: „So fühlen sich Buchstaben am Anfang oft.“ Lönne beschloss, dass Ton immerhin ehrlich war, aber lesen und schreiben lernen wollte er doch lieber woanders.
Er landet im Steuerrecht-Seminar. Lönne setzte sich in die erste Reihe, bewaffnet mit einem Stift ohne Papier. Der Dozent schrieb sofort Begriffe an die Tafel, so viele, dass selbst Kate die Betriebswirtschaft studiert hatte, innerlich seufzte. „Das sind sehr viele Buchstaben“, flüsterte Lönne. „Ja“, sagte Ilka von innen, von der Beobachterposition, „zu viele für den Anfang.“
Der Dozent sprach von Absetzungen und Paragraphen. Bei Lönne drehte sich alles.
Er meldete sich und fragte: „Entschuldigung, sind das jetzt Buchstaben oder Schulden?“
Der Raum wurde still. Dann lachte der Dozent so sehr, dass er eine Pause einlegte. Lönne ging mit dem Gefühl, etwas Wichtiges gelernt zu haben: Manche Texte wollen gar nicht verstanden werden. Er war geknickt. Ilka, die Hedda-Marie im Alltag repräsentiert, grinste.
„Komm“, sagte sie. „Wir suchen dir einen Kurs, der mit A anfängt.“
“Okay, einen noch”, antwortete Lönne und ging zur nächsten Tür.
Er stand in der geöffneten Tür, etwas unsicher, was ihn jetzt wohl erwartet. “Was ist, wenn ich jetzt Häkeln lernen soll?” Er beobachtete die Dozentin und überlegte, ob und wie er leise fragen sollte. Wolle sah er zumindest keine. Die Lehrerin bemerkte Lönne und wartete geduldig. Sie wusste, dass Analphabeten Sicherheit brauchen. Nach einem Moment machte sie eine einladende Geste und sagte: „Es ist völlig in Ordnung, hier zu sein, ohne lesen zu können.“ Da fiel Lönne ein Fels vom Herzen und er setzte sich. Und diesmal blieb er.
Am Ende des Jahres konnte Lönne seinen Namen schreiben. Krumm, stolz und mit Tinte an den Fingern. Ilka las ihn laut vor: “LÖNNE.”
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