In eigener Sache
Die Geschichte kommt diesmal etwas später als gewohnt.
Im Moment ist außerhalb des Blogs ziemlich viel los: Arbeit, Garten, Alltag, Schreiben, Termine, Linedance, neue Ideen und das ganz normale Leben, das manchmal überraschend viel Aufmerksamkeit verlangt.
Die Geschichten sind deshalb nicht verschwunden – sie stehen nur gerade geduldig in der Warteschlange und warten darauf, geschrieben, sortiert und hochgeladen zu werden.
Danke für eure Geduld und dafür, dass ihr trotzdem vorbeischaut.
Die heutige Geschichte ist bereits unterwegs. Sie hat nur unterwegs noch kurz angehalten, um Unkraut zu zupfen, Tomaten zu begutachten und einen Kaffee zu trinken.
Viel Spaß beim Lesen.
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Schreibwerk - Gefühle in der Küchenschublade
Die Scham zieht ein
Ich zog die Schublade auf.
Auf den ersten Blick war alles wie immer.
Die Hoffnung winkte.
Die Prokrastination lag auf ihrem Holzpfannenwender.
Der Perfektionismus maß irgendetwas nach.
Normaler Schubladenbetrieb.
Ich wollte gerade wieder schließen, als ich eine Bewegung bemerkte.
Ganz hinten.
Hinter den Taschentüchern.
Neben dem mysteriösen Löffel.
Da saß jemand.
Die Scham.
Ganz klein zusammengerollt.
„Oh“, sagte die Hoffnung freundlich. „Hallo!“
Die Scham zuckte zusammen. „Bitte nicht.“
Die Hoffnung blinzelte. „Nicht was?“
„Nicht angucken.“
Sofort schauten alle hin.
Die Scham vergrub das Gesicht in den Händen.
„Oh nein.“
Die Ungeduld verdrehte die Augen. „Jetzt haben wir den Salat.“
Der Zweifel nickte. „War klar.“
Ich setzte mich gedanklich vor die Schublade.
„Möchtest du vielleicht näher nach vorne kommen?“
Die Scham sah entsetzt auf. „Auf gar keinen Fall!“
„Warum?“
Sie starrte mich an, als hätte ich gefragt, ob sie spontan ein Solo auf einer Bühne singen möchte.
„Weil dann alle mich sehen.“
Kurze Stille.
„Ja“, sagte ich. „Das ist meistens so.“
Die Scham machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen Seufzen und Verzweiflung lag.
Der Mut trat vor.
„Ist nicht so schlimm.“
Die Scham sah ihn an.
„Natürlich sagst du das. Du bist der Mut.“
„Stimmt.“
„Das hilft überhaupt nicht.“
Der Mut dachte kurz nach.
„Fairer Punkt.“
Die Liebe setzte sich vorsichtig daneben.
Die Scham rückte sofort fünf Zentimeter weg.
Die Liebe rückte nicht nach.
Das schien die Scham zu überraschen.
Der Perfektionismus hob den Kopf.
„Wenn wir ehrlich sind, macht sie häufig gute Arbeit.“
Alle starrten ihn an.
„Wie bitte?“
Er räusperte sich.
„Nun ja. Ohne Scham würden einige hier Dinge tun, die wir später bereuen würden.“
Die Ungeduld überlegte kurz.
„Stimmt leider.“
Die Prokrastination hob die Hand.
„Ich erinnere an die Online-Bestellung um zwei Uhr nachts.“
„Genau“, sagte der Perfektionismus.
Die Scham wurde ein kleines bisschen größer.
Nicht viel.
Nur so, dass man sie besser sehen konnte.
Dann passierte etwas Schreckliches.
Die Neugier fragte: „Und wofür schämst du dich eigentlich?“
Die Scham wurde knallrot. Wirklich knallrot.
So rot, dass sogar die Traurigkeit kurz vom Weinen abgelenkt war.
„Für alles.“
„Für alles?“
„Ja.“
„Das erscheint mir statistisch schwierig“, murmelte der Zweifel.
Die Scham zog die Knie an.
„Für die falschen Worte. Für die richtigen Worte. Für Fehler. Für Bedürfnisse. Für Dinge von vor zehn Jahren. Für Dinge von gestern. Für Dinge, die wahrscheinlich niemand außer mir noch weiß.“
Die Schublade wurde still.
Sogar die Ungeduld sagte nichts.
Dann meldete sich die Hoffnung.
„Das klingt anstrengend.“
Die Scham nickte.
„Ist es.“
Die Hoffnung dachte nach.
„Vielleicht musst du nicht alles tragen.“
Die Scham antwortete nicht.
Aber sie hörte zu.
Ich griff in die Schublade und schob ihr ein Taschentuch zu.
Nicht weil sie weinte.
Einfach nur so.
Sie nahm es.
„Danke“, murmelte sie.
Ganz leise.
Fast hätte man es überhört.
Ich schob die Schublade langsam wieder zu.
Diesmal hörte ich kein Tropfen.
Kein Streiten.
Kein Umräumen.
Nur ein leises Atmen.
Und ich dachte:
Die Scham macht sich oft kleiner, als sie ist.
Aber manchmal braucht sie einfach einen Platz, an dem sie nicht verschwinden muss.
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Dies ist eine Geschichte aus meiner Reihe Küchenschublade, als Metapher für die menschliche Innenwelt. Die erste Geschichte Die Hoffnung in meiner Schublade brachte mich auf die Idee.
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