Mittwoch, 8. April 2026

Schreibwerk - Meine Küchenschublade

Der innere Kritiker räumt um

Ich hätte misstrauisch werden müssen. Die Schublade ging plötzlich… schwerer auf. So, als würde innen etwas dagegen drücken. Oder jemand. Ich zog vorsichtig. Ein Stück. Noch ein Stück. Und dann sah ich es. Alles war anders.

Die Gummibänder sind ordentlich aufgereiht. Die Büroklammern sortiert nach Größe. Der eine mysteriöse Löffel – beschriftet (!): „Unklar, aber behalten“.

Ich blinzelte. „Ähm… hallo?“
„Endlich“, sagte eine Stimme.
Ich zuckte zusammen.
Da stand er. Mit verschränkten Armen,
einen strengen Blick und ein kleines Klemmbrett.

Der innere Kritiker.

„So konnte das hier ja nicht weitergehen“, sagte er und machte einen Haken auf seiner Liste.
Die Hoffnung saß geschniegelt und geschniegelt (??) – nein, geschniegelt und geschniegelt geht nicht – sie saß geschniegelt da.
Sehr geschniegelt. Fast schon zu geschniegelt.
„Ich durfte nur noch in angemessener Lautstärke sprechen“, flüsterte sie.
Der Zweifel wirkte plötzlich... selbstbewusster. „Ich habe jetzt feste Redezeiten.“
Die Ungeduld tappte nervös auf der Stelle. „Ich darf nur noch alle 10 Minuten was sagen!“
Die Müdigkeit… lag exakt ausgerichtet in der Ecke. Mit einem Schild: „Pause genehmigt von 14:00–14:07“.
Ich starrte den Kritiker an. „Was machst du da?“
Er sah mich an, als hätte ich gefragt, warum Wasser nass ist.

„Ich optimiere.“

Er ging einen Schritt zur Seite und zeigte auf einen Plan an der Schubladenwand. „Hier: Struktur. Klarheit. Effizienz.

Keine unnötigen Gefühle. Keine Unordnung. So erreichst du endlich…“ Er machte eine dramatische Pause. „…mehr.“

Stille.

Dann räusperte sich die Hoffnung vorsichtig. „Aber… ein bisschen Chaos ist doch auch schön?“

Der Kritiker schrieb etwas auf. „Naiv.“
Der Zweifel nickte zufrieden. „Sag ich ja.“
Die Ungeduld: „Können wir jetzt fertig sein?!“
Die Müdigkeit hob kurz den Kopf. „Ich brauche eine längere Pause.“

Der Kritiker ignorierte sie alle.

Ich atmete tief durch. Dann griff ich in die Schublade, nahm den perfekt sortierten Stapel Büroklammern und ließ ihn einfach wieder durcheinanderfallen.

Klirr.

Stille. Alle starrten mich an. Sogar der Kritiker. Ich schob ein Gummiband schief, drehte den Löffel um, sodass das Schild nicht mehr lesbar war.

„So“, sagte ich.
Der Kritiker blinzelte. „Das ist… ineffizient.“
„Ja“, sagte ich. „Und echt.“ 
Die Hoffnung begann zu lächeln. Ganz vorsichtig.
Die Ungeduld hüpfte. „Endlich!“
Die Müdigkeit rollte sich wieder irgendwo hin, wo es gerade passte.
Der Zweifel murmelte… aber leiser.
Der Kritiker stand noch einen Moment da, sah sich das Chaos an und seufzte. „Ich komme wieder“, sagte er.
Ich nickte. „Weiß ich.“
Ich schob die Schublade zu.
Drinnen war es wieder unordentlich. Ein bisschen laut. Ein bisschen viel.
Aber auch… ein bisschen mehr ich. 

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