Mittwoch, 15. April 2026

Schreibwerk - Meine Küchenschublade

Die Traurigkeit dreht auf

Ich hätte es riechen können.
So ein bisschen wie Regen, der kommt, obwohl der Himmel noch gar nichts gesagt hat. Ich zog die Küchenschublade auf –
und da saß sie.

Die Traurigkeit.

Zuerst ganz still. Zusammengekauert zwischen Gummibändern und Kassenzetteln.

Die Hoffnung beugte sich zu ihr. „Hey… wird schon wieder…“
Falscher Satz. Ganz falscher Satz.
Die Traurigkeit zog einmal tief die Luft ein – und fing an zu weinen.

Leise erst. So ein Zittern. So ein „Ich versuch mich zusammenzureißen“-Weinen.

Die anderen wurden unruhig.
Die Ungeduld: „Oh nein, bitte nicht…“
Der Zweifel: „Das wird eskalieren.“
Die Müdigkeit zog sich die imaginäre Decke über den Kopf. „Ich bin nicht da.“

Ich wollte gerade die Schublade wieder schließen – da ging’s los.

So richtig.

Die Traurigkeit heulte Rotz und Wasser. Innerhalb von Sekunden stand alles unter Wasser.
Die Büroklammern schwammen vorbei. Die Kassenzettel lösten sich auf. Der mysteriöse Löffel trieb orientierungslos im Kreis.

„HOCH!“, rief die Ungeduld. „ALLE HOCH!“
Die Hoffnung schnappte sich den Holzpfannenwender. „Hier! Ein Floß!“
Alle kletterten drauf. Mehr schlecht als recht.
Der Zweifel rutschte ständig ab. „Ich hab gesagt, das wird nichts!“
Die Neugier: „Wow, wie schnell das geht!“
Die Müdigkeit ließ sich einfach treiben. „Weckt mich, wenn’s vorbei ist…“
Und die Angst? Saß still daneben und beobachtete den Wasserstand.

Ich sah das Chaos, seufzte, holte eine Packung Taschentücher und warf sie in die Schublade.

Platsch.

Alle starrten mich an.
Die Hoffnung reagierte zuerst: „Rettungsboote!“
Die Ungeduld: „ENDLICH!“
Der Zweifel: „Die weichen doch gleich durch.“
„Vielleicht“, sagte ich, „vielleicht sind es auch einfach nur Taschentücher.“
Die Traurigkeit schniefte und nahm vorsichtig eins. Dann noch eins. Und noch eins. Langsam wurde das Weinen leiser.

Das Wasser sank. Das Floß knarzte.
Der Zweifel stand wieder auf festem Boden (und fand sofort neue Probleme).
Die Hoffnung setzte sich neben die Traurigkeit. Diesmal ohne Spruch. (Gott sei Dank!) Sie war einfach nur da.

Ich sah mir das an. Atmete aus. Und dann machte ich etwas, das sich in dem Moment sehr logisch anfühlte.

Ich machte die Schublade zu. Einfach so.

Mitten im Chaos.
Mitten im Rest-Schniefen.
Mitten in der Hoffnung,
dass sich das… von allein regelt.

„Ihr kriegt das schon hin“, murmelte ich und drückte sie fest zu.

Stille.

Ich blieb noch einen Moment stehen und lauschte.

Nichts.

Ich nickte zufrieden. „Siehst du“, sagte ich zu mir selbst, „läuft.“

Dann – tropf

Ich erstarrte.

tropf… tropf

Ganz langsam sah ich nach unten. Da war ein kleiner, nasser Fleck. Direkt unter der Schublade. Ich beugte mich runter. Tippte vorsichtig mit dem Finger rein.

Nass.

Ich schaute die Schublade an. Die Schublade schaute zurück.
Also… gefühlt.

tropf

„Ach komm…“, sagte ich, ging einen Schritt zurück und dachte kurz nach.
Wirklich richtig kurz.
Dann kam dieser Gedanke: Zahlt das eigentlich die Hausratversicherung?

Ich meine –
rein theoretisch –
Wasserschaden durch…
emotionale Überflutung?

Ich stellte mir vor, wie ich das erkläre:
„Ja guten Tag, also es hat angefangen mit Traurigkeit, dann kam es zu starken Weinen, daraufhin Evakuierungsmaßnahmen auf einem Holzpfannenwender…“ Pause. „…und jetzt tropft es.“

tropf

Ich sah wieder auf den Fleck. Er wurde größer.
Aus der Schublade kam ein leises Geräusch. So ein…
„Schnief… plopp… schnief“.

Ich seufzte. „Okay“, sagte ich, „Plan B.“ Ich zog die Schublade auf.

Drinnen:
nasse Taschentücher,
erschöpfte Gefühle,
ein halb durchweichter Holzpfannenwender und die Traurigkeit, die mich mit roten Augen ansah.
Die Hoffnung hob schwach die Hand. „Wir haben’s fast…“
Der Zweifel: „Haben wir nicht.“
Die Ungeduld: „Das dauert mir zu lange!“
Die Müdigkeit: „Ich liege schon.“

Ich griff mir ein paar neue Taschentücher,
legte sie dazu, ließ die Schublade diesmal einen Spalt offen.
„Keine Experimente mehr“, murmelte ich. Dann wischte ich den Boden.

tropf
…hörte auf.

Ich lehnte mich gegen die Küchenzeile und atmete durch.
Und dachte:
Vielleicht…
ist „einfach zumachen“
doch nicht immer die beste Strategie.

Aber ganz ehrlich – die Geschichte mit der Hausratversicherung hätte ich trotzdem gern erzählt.

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