Sonntag, 17. Mai 2026

Schreibwerk - Gefühle in der Küchenschublade

Schuld

Eines Abends zog die Schuld in die Küchenschublade ein.

Niemand hatte sie eingeladen.
Sie stand einfach plötzlich zwischen den Gummibändern und den zerknitterten Einkaufszetteln, gestriegelt und geschniegelt wie eine Buchhalterin der Herzen.

„Hier stimmt einiges nicht“, sagte sie und strich mit einem Finger durch die Krümel.
„Zu viele unerledigte Dinge. Zu viele falsche Worte. Zu viel Müdigkeit.“

Die Büroklammern rückten nervös zusammen (soweit das Büroklammern können) und der Holzpfannenwender tat so, als hätte er nichts gehört.
Die Müdigkeit blinzelte beschämt und drehte sich um.

Schuld mochte Ordnung.
Sie sortierte Erinnerungen nach Fehlern.
Die große Schere bekam ein Schild:
„Hättest du besser machen können.“

Der Suppenlöffel:
„Warst zu laut.“

Die halb leere Packung Taschentücher:
„Andere haben es schwerer.“

Selbst Hoffnung, die bisher warm zwischen den Teebeuteln geleuchtet hatte, wurde kleiner unter ihrem Blick.

Nachts raschelte Schuld durch die Schublade wie der Igel durchs Laub. Sie zog alte Gespräche hervor, längst vergessene Situationen und selbst winzige Missgeschicke aus dem letzten Jahrtausend.

„Weißt du noch?“ flüsterte sie zufrieden. „Das war peinlich.“ kicherte sie.

Die Ungeduld verdrehte genervt die Augen.
Liebe rückte näher zu Hoffnung.
Ekel murmelte: „Anstrengende Mitbewohnerin.“

Nur Mut sagte lange nichts. Er saß hinten bei der Müdigkeit und beobachtete sie.

Eines Morgens zog Schuld eine besonders schwere Erinnerung hervor.
Eine von denen, die alles im Raum dunkler und enger machen. 

„Dafür gibt es keine Entschuldigung“, sagte sie streng.

Da stand Mut langsam auf, streckte sich, machte sich besonders groß und antwortete: „Vielleicht nicht. Aber Hedda ist keine Excel-Tabelle, in der am Ende nur Fehler rot markiert werden.“

In der Schublade wurde es still. Selbst die Büroklammern hielten gefühlt die Luft an.

Mut nahm die Erinnerung vorsichtig in die Hand. Nicht wie Beweismaterial, sondern eher wie etwas Zerbrechliches.

„Manches war falsch“, sagte er ruhig.
„Manches hätte anders laufen sollen, aber Schuld tut oft so, als wäre sie dasselbe wie Verantwortung.“

Schuld wollte widersprechen, doch Liebe war inzwischen aufgestanden und stellte sich daneben.

„Verantwortung hilft beim Lernen“, sagte Liebe leise. „Du hingegen hältst Hedda manchmal nur klein.“

Da begann Hoffnung wieder etwas heller zu leuchten.

Nicht plötzlich oder kitschig.
Eher wie das Morgenlicht unter der Küchentür an einem sonnigen Morgen. 

Schuld setzte sich schließlich zwischen die Gummibänder.
Kleiner als vorher.

Sie verschwand nicht.
Das tun solche Gefühle selten.

Aber zum ersten Mal bestimmte sie nicht mehr die ganze Schublade.

(Und irgendwo draußen in der Küche stand Hedda mit einer Hand am Griff.
Denn manchmal reicht schon der Gedanke:
Ich könnte die Schublade öffnen.)

Und in diesem Moment zog ich die Schublade auf. (Gott sei Dank nicht früher!) Ein schmaler Streifen Licht fiel hinein.

Die Büroklammern blitzten auf und die Taschentücher wirkten plötzlich weich statt traurig.
Sogar die alte Schere verlor etwas von ihrer Strenge.

Und die Schuld?

Sie blinzelte mich nur an. Nicht, weil sie am Liebsten verschwunden wäre, sondern weil Licht Dinge verändert.

Ich öffne meine Küchenschublade nicht, um alles hinauszuwerfen.
Nicht, um perfekt zu werden.
Nicht einmal, um Ordnung zu schaffen.

Nein! Ich öffne sie, weil sie zu lange im Dunkeln gewesen ist.

Mut nickte mir zu.
Liebe lächelte erschöpft.
Hoffnung hielt kurz die Luft an, als hätte sie nicht mehr damit gerechnet.

Und irgendwo zwischen Gummibändern, Krümeln und alten Gedanken entstand etwas Seltsames:

Platz.




Dies ist eine Geschichte aus meiner Reihe Küchenschublade, als Metapher für die menschliche Innenwelt. Die erste Geschichte Die Hoffnung in meiner Schublade brachte mich auf die Idee.
Die Schuld zog beim Treffen meiner Schreibgruppe in die Schublade ein.

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