Sonntag, 7. Juni 2026

Schreibwerk - Gefühle in der Küchenschublade

Der Mut zieht ein

Ich zog die Schublade auf— und jemand fiel mir fast entgegen.
„UPS— ich hab’s!“
Er stolperte, fing sich am Rand, rutschte kurz über ein Gummiband und landete mitten zwischen Hoffnung und Zweifel.

Es war der Mut.

„Alles gut“, sagte er schnell, obwohl offensichtlich nichts geplant war.
Die Ungeduld sprang sofort auf. „ENDLICH! MACH WAS!“
Der Zweifel verschränkte die Arme. „Das geht schief.“
„Vielleicht“, sagte der Mut. „Aber wir probieren’s.“
Die Hoffnung strahlte. „Ja!“
Der Perfektionismus räusperte sich „Unvorbereitet.“
Die Prokrastination drehte sich um. „Später.“

Der Mut ignorierte das alles.

Er sah sich um, als würde er gerade erst merken, wo er gelandet ist.
„Ganz schön voll hier“, murmelte er.

Die Angst trat näher.
Ganz ruhig.
Ganz wach.
„Du weißt, was hier alles schiefgehen kann.“
Der Mut nickte. „Ja.“

Kurze Pause.

„Und?“, fragte die Angst.
Er zuckte mit den Schultern. „Ich komm trotzdem.“

Stille.

Die Liebe lächelte.
Die Hoffnung wurde noch ein bisschen größer.
Der Zweifel: „Das hält nicht lange.“
Der Mut grinste schief. „Reicht für jetzt.“
Er machte einen Schritt nach vorne--
trat auf ein Taschentuch—
rutschte fast wieder weg—
fing sich...

„Siehst du“, sagte der Zweifel sofort.
„Ja“, sagte der Mut. „Das war knapp.“

Und ging weiter.
Nicht perfekt.
Nicht elegant.
Aber weiter.

Ich beobachtete ihn.
Er war nicht laut.
Nicht unerschütterlich.
Er wackelte.
Er zögerte.
Er stolperte.
Und ging trotzdem.

Ich griff in die Schublade.
Nicht viel.
Nur ein kleines bisschen.
Der Mut sah das und nickte mir zu. „Genau so“, sagte er.
Die Prokrastination seufzte. „Anstrengend.“
Der Perfektionismus schrieb etwas auf „Unsauber, aber wirksam.“
Die Ungeduld hüpfte. „MEHR!“
Die Angst blieb, trat aber einen halben Schritt zurück.

Ich atmete.
Schob die Schublade ein kleines Stück zu--
ließ sie aber offen genug.
Drinnen war Bewegung.
Nicht kontrolliert.
Nicht ruhig.
Aber lebendig.

Und ich dachte: Vielleicht ist Mut gar nicht das Gegenteil von Angst.
Sondern einfach…
der, der trotzdem losgeht. 


___
Dies ist eine Geschichte aus meiner Reihe Küchenschublade, als Metapher für die menschliche Innenwelt. Die erste Geschichte Die Hoffnung in meiner Schublade brachte mich auf die Idee.



1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Wir mögen deine Küchenschublade sehr! 😃

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