Schreibwerk - Die Gefühle in der Küchenschublade
Ein Gedanke vorweg
Durch meine DIS sind Gefühle für mich oft nicht selbstverständlich. Manche sind nur schwer wahrnehmbar, andere fühlen sich weit entfernt an oder tauchen erst viel später auf. Manchmal weiß ich zuerst, dass etwas in mir passiert – aber nicht, was es eigentlich ist.
Vor ein paar Tagen habe ich zum ersten Mal bewusst gedacht: Ich bin wütend. Das klingt für viele Menschen vermutlich unspektakulär. Für mich war es ein neuer Moment. Ein Gefühl, das ich nicht nur beschreiben, sondern tatsächlich wahrnehmen konnte.
Vielleicht ist genau das das Schönste an dieser kleinen Schublade: Niemand muss wieder ausziehen. Die Gefühle dürfen kommen, sie dürfen Chaos machen, sie dürfen nerven oder trösten. Und ich darf sie kennenlernen.
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet eine ganz normale Küchenschublade zu einem Ort wird, an dem ich mich selbst Stück für Stück besser verstehe.
So... und nun zur eigentlichen Geschichte
Die Wut zieht ein
Ich zog die Schublade auf.
Oder besser gesagt…
Ich wollte sie aufziehen.
In dem Moment kam sie mir schon entgegen.
KNALL!
Die Schublade flog auf, der Holzpfannenwender schoss quer durch die Küche und der mysteriöse Löffel drehte drei Ehrenrunden durch die Luft.„SO!“, brüllte jemand.
Die Wut war da.
Mit hochrotem Kopf. „ICH HABE DIE NASE VOLL!“
Die Hoffnung zuckte zusammen. „Vielleicht…“
„NEIN!“
Die Hoffnung setzte sich ganz langsam wieder hin.
Der Zweifel nickte. „War zu erwarten.“
Die Ungeduld sprang begeistert auf. „ENDLICH SAGT'S MAL JEMAND!“
Die Wut zeigte auf die Ungeduld. „DU BIST ÜBRIGENS AUCH ANSTRENGEND!“
„ICH WEISS!“
„DAS MACHT ES NICHT BESSER!“
Der Perfektionismus wollte etwas einwerfen. „Wenn wir die Situation sachlich—“
„SACHLICH?!“
Die Wut schnappte sich das Maßband und knotete es zu einer Schleife. „SO! JETZT IST ES KREATIV!“
Der Perfektionismus wurde ganz blass.
Die Prokrastination hob träge den Kopf. „Könnt ihr euch… später streiten?“
„NEIN!“
„Okay.“ Sie schlief weiter.
Die Angst machte vorsichtshalber zwei Schritte rückwärts.
Die Scham versteckte sich hinter den Taschentüchern.
Die Gelassenheit nahm einen Schluck Tee. „Du bist ganz schön laut.“
Die Wut drehte sich zu ihr. „ICH BIN NICHT LAUT!“
Die ganze Schublade vibrierte.
Die Gelassenheit nickte. „Natürlich.“
Die Wut schnaufte.
Noch lauter. „ICH WERDE EINFACH STÄNDIG ÜBERHÖRT!“
… Stille.
So eine Stille, die keiner erwartet hatte.
Die Hoffnung sah vorsichtig auf. „Ist das… der eigentliche Grund?“
Die Wut antwortete nicht. Sie setzte sich einfach.
Mitten in die Schublade.
Immer noch rot.
Immer noch grummelnd.
Aber nicht mehr brüllend.
Ich setzte mich davor. „Du hast also gar nicht immer Lust zu schreien?“
„Nein.“
„Warum machst du es dann?“
Die Wut verschränkte die Arme. „Weil vorher keiner zuhört.“
Der Zweifel sah kurz betreten aus.
Die Ungeduld hörte tatsächlich für drei Sekunden auf zu zappeln.
Sogar der Perfektionismus legte das verbogene Maßband weg.
Ich griff in die Schublade und stellte der Wut eine Tasse hin. „Tee?“
„Ich mag keinen Tee.“
„Kaffee?“
„Ja.“
Ich holte Kaffee.
Die Wut nahm einen Schluck.
Atmete aus. „Danke.“
Die Gelassenheit lächelte. „Willkommen in der Schublade.“
„Ich bleibe nicht lange“, sagte die Wut.
Der Zweifel murmelte: „Das glaub ich erst, wenn ich's sehe.“
Die Wut grinste plötzlich. „Ach komm…"
"...ein bisschen bleibe ich schon."
Alle lachten.
Sogar die Scham.
Nur der Holzpfannenwender lag immer noch unter dem Kühlschrank.
Den wollte allerdings niemand holen.
Nicht mal die Wut.
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