Mittwoch, 15. Juli 2026

Warum ich mein erstes Buch nicht umschreibe

Ein Leben, viele Stimmen

Neulich hatte ich den Gedanken, mein erstes Buch „Ein Leben, viele Stimmen“ vom Markt zu nehmen.

Ich blätterte darin und merkte schnell: Heute würde ich vieles anders schreiben.

Nicht, weil es falsch ist. Sondern weil ich mich verändert habe.

Damals wollte ich erklären.

Ich wollte verstehen, was mit mir passiert. Ich wollte Worte finden für etwas, das selbst für mich kaum greifbar war. Deshalb enthält das Buch viele Erklärungen, Definitionen und Beschreibungen. Es war mein Versuch, Ordnung in ein inneres Chaos zu bringen.

Heute schreibe ich anders.

Heute erzähle ich Geschichten.

Statt zu erklären, was Angst ist, lasse ich Anne durch die Haustür spazieren. Statt lange über Gefühle zu schreiben, treffen sie sich in der Küchenschublade. Und statt mein inneres System zu beschreiben, lade ich dich ein, das Vielhaus zu betreten.

Diese Sprache hatte ich damals noch nicht gefunden.

Zuerst dachte ich, das wäre ein Grund, mein erstes Buch zu überarbeiten. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Das Buch ist genau richtig, so wie es ist.

Es erzählt nicht nur vom Leben mit einer Dissoziativen Identitätsstörung.

Es erzählt auch von meinem eigenen Weg.

Es zeigt den Anfang.

Heute sehe ich mein erstes Buch nicht mehr als etwas, das ersetzt werden muss. Ich sehe es als Fundament. Ohne diesen ersten Schritt gäbe es weder die Küchenschublade noch das Vielhaus oder die Geschichten, die heute auf diesem Blog entstehen.

Entwicklung darf sichtbar sein.

Sie muss nicht versteckt werden.

Vielleicht wirst du beim Lesen Unterschiede zwischen meinem ersten Buch und meinen heutigen Texten bemerken. Das freut mich sogar. Denn sie zeigen, dass wir Menschen nicht stehen bleiben. Wir lernen, wachsen und finden manchmal eine Sprache, von der wir früher nicht einmal wussten, dass sie in uns steckt.

Deshalb werde ich mein erstes Buch nicht umschreiben.

Ich lasse es so, wie es entstanden ist.

Als ehrliche Momentaufnahme.

Ein Blick nach vorn

Vielleicht wird dir in den nächsten Wochen auffallen, dass ich immer wieder vom Vielhaus schreibe.

Das ist kein Zufall.

Das Vielhaus wird der Titel meines nächsten Buches.

Viele Jahre habe ich versucht, mein inneres Erleben zu erklären. Irgendwann merkte ich, dass Erklärungen allein nicht ausreichen. Erst als vor meinem inneren Auge ein Haus entstand – mit vielen Räumen, langen Fluren, offenen und verschlossenen Türen und ganz unterschiedlichen Bewohnern –, fand ich die Sprache, nach der ich so lange gesucht hatte.

Das Vielhaus ist keine Fortsetzung von Ein Leben, viele Stimmen.

Es ist auch keine Neuauflage.

Es ist ein neues Buch.

Ein Buch über das Leben. Über Entwicklung. Über Begegnungen. Über die Menschen, die das Vielhaus betreten. Und natürlich über seine Bewohner.

Die Küchenschublade ist übrigens nur ein kleiner Raum in diesem Haus.

Viele weitere Türen warten darauf, geöffnet zu werden.

Ich freue mich darauf, dich mit auf diese Reise zu nehmen.

Ein Gedanke dazu

Manchmal schauen wir auf frühere Werke und sehen nur, was wir heute anders machen würden.

Vielleicht lohnt sich ein anderer Blick.

Nicht:

„Wie unperfekt war ich damals?“

Sondern:

„Wie weit bin ich seitdem gekommen?“

Ich glaube, genau darin liegt etwas sehr Tröstliches.

Unsere Vergangenheit muss nicht verschwinden, damit unsere Gegenwart wachsen darf.

Sie darf der Anfang einer Geschichte sein, die noch lange nicht zu Ende erzählt ist.

Mein erstes Buch (Ein Leben, viele Stimmenerzählt, wo mein Weg begonnen hat. 

Das Vielhaus erzählt, wohin er mich führt.

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